Bunt, bunter – Bogotá

„Ob eine Stadt zivilisiert ist, hängt nicht von der Zahl ihrer Schnellstraßen ab, sondern davon, ob ein Kind auf einem Rad überall unbeschwert hinkommt.“                                             – Enrique Penalosa, ehemaliger Bürgermeister von Bogota

Endlich wieder lateinamerikanischen Boden unter den Füßen. Ich liebe die Schwüle der Großstadt, die mir entgegenschlägt, der Geruch des Flughafen-Putzmittels und das erste Bienvenido des Zollbeamten. Ja sogar mich durch die unzähligen vermeintlichen Taxifahrer zu quetschen und sie auf Spanisch abzuwimmeln gibt mir das Gefühl – hier bin ich richtig! Ich lerne auch direkt einen Holländer kennen, mit dem ich mir ein Taxi in die La Candelaria teile. Die Altstadt und das Touriviertel Bogotás. Hier soll es sicher und schön sein. Der erste Eindruck stimmt schon mal. Nachdem wir im Taxi noch fix unsere Telefonnummern austauschen – huch das geht ja schnell hier – bin ich endlich in meinem Hostel Masaya Intercultural angekommen. Der ideale Rückzugsort in der Großstadt. In der Mitte befindet sich ein schöner Hof mit Hängematten und Chillliegen. Doch ich falle weit nach Mitternacht nur noch in mein Dormbett. Zum ersten Mal wieder im Mehrbettzimmer schlafen seit ich weiß nicht mehr wann.

Capilla del Sagrario

Die Stadt erkunden mit allen Facetten

Den nächsten Tag lasse ich sehr ruhig angehen, erkunde die Stadt und komme erst mal an. Abends gehe ich mit einem Iren aus meinem Zimmer essen. Beide gerade angekommen nutzen wir einen Lonely Planet Tipp und gehen in DAS Toprestaurant in der La Candelaria in das „Capital Cocina“. Sehr nett. Sehr romantisch. Überall Pärchen. Kerzenschein und Blümchen auf den Spitzendeckchen der Zweiertische. Shit! – das dachten wir in dem Moment wohl beide. Denn eigentlich wollten wir eine coole Location mit coolen Leuten. Jetzt sitzen wir uns zwei völlig Fremde in einem Honeymoon-Restaurant gegenüber. Erst mal Bier! Geht doch. Das Essen ist sehr gut, aber entgegen des Reiseführergurus alles andere als typisch kolumbianisch. Mit einer guten Grundlage und schon das ein oder andere Bier intus beschließen wir mit einigen Leuten aus dem Hostel noch feiern zu gehen. Und jetzt muss ich was gestehen: Ja, ich hab´s getan – ich war auf einer Gringoparty!!! Die heißt wirklich so und hier treffen Rucksacktouristen aus aller Welt auf brünftige Kolumbianer und Kolumbianerinnen. „Intercambio de lenguaje“ heißt das hier – übersetzt „Sprachaustausch“. Beim betreten des Clubs La Villa wird sehr schnell klar, welche Sprache damit gemeint ist. Es riecht nach Sex und der schnellen Nummer zwischen Einheimischen und Touris oder Rucksackreisenden untereinander. Bienvenido in der Backpacker-Bums-Bude. In den schicksten Travelerklamotten auf Abschleppkurs. Doch: Es hat Spass gemacht.

La Candelaria

I am a big big girl in a big big world

Bäbäms und Autsch. Erster Kater in Kolumbien. Um klar zu kommen besteige ich den Monserrate, ein rund 3000 Meter hoher Berg von dem aus man über die ganze Stadt schauen kann. Den Weg zur Talstation gehe ich zu Fuß. Angeblich ist der gefährlich, doch ich hatte keine Sekunde Angst, dass einer der kiffenden Studenten von der Universität mich überfallen könnte. Eigentlich plante ich den ganzen Weg zur Spitze zur Fuß zu gehen, doch dieser ist wegen Erdrutschgefahr bis mindestens Ostern 2017 gesperrt. Also doch das volle Touriprogramm mit der Seilbahn. Oben angekommen bin ich von dem Anblick über die Acht-Millionen-Stadt überwältigt. Bogotá wirkt mitten im Getümmel nicht sehr groß, doch die Stadt ist enorm und ich muss sagen von all den lateinamerikanischen Großstädten in denen ich bisher war, gefällt Bogotá mir bis jetzt am besten.

 

Blick vom Monserrate

Dicke Popos und das andere Bogotá

Wieder unten in der Stadt angekommen, besuche ich das Museo Botero. Fernando Botero ist ein kolumbianischer Künstler und bekannt für seiner Werke von überproportionierten Menschen, Tieren und Dingen. Im Museum sind außerdem Werke andere Künstler wie Dalí oder Picasso und der Besuch lässt mein kunsthistorisches Herz höher schlagen. Hier könnte ich stundenlang bleiben. Doch das Abendessen ruft und da lerne ich dann doch noch direkt die Schattenseiten der Hauptstadt Kolumbiens kennenlerne. Ich bin mit einer Schweizerin auf dem Weg zum Abendessen und mitten auf der Straße merke ich plötzlich, dass meine Tasche auf und mein Handy weg ist. Wir sind beide sprach- und fassungslos, dass keine von uns was bemerkt hat. Das nenne ich mal Trickdiebe. Also, ab jetzt – besser aufpassen! Muss ich ja erst mal lernen. Hab ja keinen Bodyguard mehr an meiner Seite, der alle Latinos um mindestens einen Kopf überragt und mich beschützt. Merke: Alleinereisen – doppelt vorsichtig sein!

La Poplación

Farbtupfer in der grauen Großstadt

Dann wird es bunt. Gegen Trinkgeld nehme ich am Donnerstagmorgen an einer kostenlosen Graffiti-Tour teil. Denn hier in Kolumbien wurden Graffitibemalungen legalisiert und sind richtige Kunstwerke. In rund drei Stunden geht es durch die Stadt und die bunten Mauerwerke sowie die Hintergründe zu deren künsterlischen Gestalter werden humorvoll erklärt und gezeigt. Ich bin so beeindruckt, dass ich beschließe nach einer kurzen Pause an der nächsten Tour teilzunehmen. Ebenfalls gegen ein Trinkgeld erkunde ich mit rund 15 anderen Touristen zu Fuß die Stadt. Die junge kolumbianische Führerin erklärt staunenden Touriaugen Bogotá, zeigt ihnen auf dem Markt süße und saure Geschmäcker Kolumbiens und natürlich gibt es Alkohol. Chicha heißt das hier und ist das nationale Maisgetränk. Riecht wie Erbrochenes, aber mit Maracuja gemischt schmeckt es himmlisch. Direkt am Abend mit ein paar Leuten gestestet.

Chicha mit Maracuja

I wanna ride my bicycle 

Freitag ist mein letzter Tag in Bogotá und den starte ich mit einer Fahrradtour durch die Stadt. Am Treffpunkt erwarten mich bereits circa 20 radbegeisterte Menschen aus aller Welt mit Helmen auf dem Kopf und einem Moutainbike zwischen den Beinen. Mit denen allen soll ich in einer Karawanne durch die Stadt düsen? Doch ich habe Glück. Die Gruppe wird zweigeteilt. One Group in english please and un grupo en español por favor. Ich entscheide mich für die spanischsprechende Gruppe und radel mit nur fünf anderen Personen über Stock und Stein 20 Kilometer durch die 2.600 Höhenmeter Bogotás. Immer wieder wird angehalten und der lustige Guide erzählt uns Insidergeschichten und historische Hintergründe zu verschiedenen Stationen weit außerhalb der Komfortzone La Candelaria. Es geht über den Unicampus und in eine Kaffeefabrik, in der wir direkt einen der leckersten Kaffees ever trinken: Kaffee mit Vanilleeis und einem guten Schuss Baileys drin – Yam Yam Yam. Abends gehe ich dann noch mal zum Abschied in einen kleinen Club in der La Candelaria feiern und nach einer kurzen Nacht steige ich am nächsten Morgen in den Bus nach Neiva. Nächste Station: El Desierto De La Tatacoa. Adiós Bogotá querida linda und auf in die Wüste!

Biketour

11 thoughts on “Bunt, bunter – Bogotá

  1. Hey Michi,
    Ich kann garnicht aufhören zu lesen, ist das spannend. Uups schon zu Ende. Kann garnicht deinen nächsten Blog abwarten.
    ? Martin und Franz

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